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Der Nibelungenteppich

Der monumentale, 6x15 Meter großen Wandteppich mit Motiven aus der Nibelungensage wurde nach seiner Generalsanierung über die Osterfeiertage 2012 dorthin zurück gebracht, wo er seit den 1960er-Jahren hing: ins Wormser Theater (heute: Kultur- und Tagungszentrum "Das Wormser").

Nibelungen-Wandteppich (Aufnahme von 1966) 
Nibelungen-Wandteppich (Aufnahme von 1966)

Wandschmuck erinnert an Heldenepos

In Worms findet man an verschiedenen Stellen Hinweise auf das Nibelungenlied. Die Nibelungenbilder von Schmoll von Eisenwerth sind bei der Zerstörung des Cornelianums im 2. Weltkrieg 1945 mit verloren gegangen. So war es nur folgerichtig, dass die für Worms so wichtige Nibelungenthematik bereits 1961 für die Ausschmückung des 1966 eingeweihten Städtischen Spiel- und Festhauses (heute Kultur- und Tagungszentrum "Das Wormser") wieder aufgegriffen wurde, eine Generation vor der Geburtsstunde der für die Stadt Worms so bedeutsamen Nibelungen-Festspiele.

Ein Wandteppich mit langer Geschichte

Unter der Federführung des Aufbauvereins kam man von einem zuerst projektierten Nibelungenfenster zur Ausschmückung des Theaterfoyers ab und entschied sich stattdessen, 1962 den Münchner Professor Kaspar wegen eines Wandteppichs zu kontaktieren und schließlich zu beauftragen. Der Aufbauverein mit Ludwig C. von Heyl (gestorben 2010) an der Spitze wurde von den beiden Münchner Professoren Martin, den Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und Esterer, der zuvor in der Jury für die Erbauung des Wormser Rathauses saß, beraten. Den Auftrag für die Ausführung erhielt die Gobelinmanufaktur Edith Müller-Ortloff in Meersburg am Bodensee.

Der Entwurf zum Nibelungenwandteppich stammt von Professor Hermann Kaspar (geboen 1904 in Regensburg, gestorben 1986 in Lindau/Bodensee), Maler und Entwurfszeichner für Textilien, Wandgemälde und Mosaik. Er studierte in München an der Akademie für Bildende Kunst und hatte dort später, seit 1938, eine Professur inne. Mit Kriegsende wurde er wegen seiner Aktivitäten für die NS-Regierung entlassen, doch 1957 wieder eingestellt und lehrte weiter bis 1972. Im Rahmen der Studentenbewegung um 1968 wurde seine Vergangenheit näher beleuchtet: er führte in der NS-Zeit Aufträge der Reichsregierung aus, unter anderem in der Reichskanzlei in Berlin und auf dem Reichstagsgelände in Nürnberg. Auch war er einer der Organisatoren der Propagandaumzüge am „Tag der Deutschen Kunst“ von 1937 und 1938, wo er zusammen mit Adolf Hitler auftrat. Nach dem Krieg erhielt er zahlreiche Aufträge zur Ausgestaltung von Kirchen und Kommunalbauten. Er löste sich in seinem Schaffen ganz von den gestalterischen Zwängen seiner früheren Auftraggeber und arbeitete in dem ihm eigenen Stil, der dem Zeitgeist des Aufbruchs der fünfziger und sechziger Jahre entsprach.

Die ausführende Textilkünstlerin Edith Müller-Ortloff (geboren 1911 in Schöningen bei Braunschweig, gestorben 1995 in Meersburg) studierte in München zuerst an der Technischen Hochschule Architektur und wechselte dann an die Akademie für Freie und Angewandte Kunst. Bereits 1932 hatte sie Kontakte zum Bauhaus und wurde Mitglied des Werkbundes und schon 1935 eröffnete sie ihr erstes Atelier in Magdeburg. Nach den Kriegswirren konnte sie dann 1948 ein neues Bildteppich-Atelier im Meersburger Schloss gründen, als Mitglied im „Ring Deutscher Meisterwerkstätten“. Sie war eine der bedeutendsten Vertreterinnen der europäischen Bildteppichkunst des 20. Jahrhunderts. Ihre Vielseitigkeit bewies sie in den Textilkunsttechniken Knüpfen, Gobelin-Weberei, Batik, Sticken, Seidenmalerei und Applikationen. Die Arbeiten zeichnen sich durch eine strahlende Farbigkeit aus, wobei sie in ihren eigenen Entwürfen, im Gegensatz zum Nibelungenwandteppich, auch abstrakte Motive aufgegriffen hat.

Monumentales Werk der Teppichkunst

Der Nibelungenwandteppich ist aus Wolle geknüpft und mit einem Format von mehr als 6 x 15 m, also mehr als 90 , wahrlich ein monumentales Werk. Damit nimmt er für die Teppichkunst des 20. Jahrhunderts schon eine herausragende Stellung ein.

Dargestellt sind verschiedene Schlüsselszenen aus dem Nibelungenlied. Es sind nicht die Helden, die agieren und die Handlung selbst bestimmen, sondern die Nornen, die alten Schicksalsgöttinnen der germanischen Mythologie aus der skandinavischen Edda-Überlieferung. Sie stehen für die Konzeption der Tragödie und zeigen, dass das gesamte Geschehen unabwendbar ist. Die erste, von links beginnend, spinnt den Schicksalsfaden, die zweite leitet ihn weiter und die dritte schneidet ihn ab.

Zwischen den drei Göttinnen sind als großformatige Szenen mit spontanem Wiedererkennungswert Siegfrieds Kampf mit dem Drachen samt Nibelungenschatz und der Westchor des Wormser Domes mit den streitenden Königinnen Kriemhild und Brunhild eingefügt.

Die anderen Szenen ranken sich entlang des Fadens. In der unteren linken Ecke führen die Rheintöchter in das Geschehen ein, darüber ist Siegfrieds Ankunft in Worms zu sehen. Zwischen der ersten und der zweiten Norne folgt der schon erwähnte Kampf Siegfrieds mit dem Drachen und seine Eroberung des Nibelungenschatzes, darunter das Trinkgelage und die Wettkämpfe am Wormser Hof. Neben dem Kopf der mittleren Norne ist das Festbankett anlässlich der Doppelhochzeit von Kriemhild und Siegfried sowie von Brunhild und Gunther dargestellt. Zwischen der Domszene und der dritten Norne reiht sich die Ermordung Siegfrieds an der Quelle während der Jagd im Odenwald ein. Oben rechts, neben der Schere der dritten Norne, sieht man König Gunther, wie er in seiner Hochzeitsnacht mit Brunhild an das Fensterkreuz gefesselt worden ist. Direkt darunter schwört Kriemhild an Leichnam Siegfrieds Rache.

Als Abschluss der Szenenfolge erkennt man zu Füßen der rechten Norne das von Kriemhild initiierte Gemetzel auf dem Etzelshof, sie selbst hält das Haupt Hagens in der Hand und daneben folgt ihre Enthauptung durch Dietrich von Bern. Als Schlusspunkt, als Unterschrift, ist in der unteren rechten Ecke der unbekannte Dichter des Epos dargestellt.

Beispiel in einer uralten Tradition

Monumentale Wandteppiche haben eine lange Tradition. Im Mittelalter schmückten sie Burgen und Kirchen. Seit der Wende zur Neuzeit wurden mit gewebten Gobelins herrschaftliche Festsäle dekoriert. Auch wenn die Kunst der Bildteppiche in den letzten Jahrhunderten etwas an Bedeutung verloren hat, so ist sie doch niemals untergegangen. Beliebte Szenen waren immer Motive aus der Geschichte, aus der Bibel und aus der Mythologie.

Ein außergewöhnliches Beispiel eines erzählenden Geschichtsteppichs ist der von Bayeux mit der Darstellung der Eroberung von England 1066 durch den Normannenkönig Wilhelm. Damit steht der Wormser Nibelungenwandteppich als ein recht junges Beispiel in einer uralten Tradition.

In der Darstellungsweise hat man den nahezu fotografischen Realismus der Historiendarstellungen wilhelminischer Zeit wie auch die naturgetreuen „Blut- und Bodendarstellungen“ faschistischer und sozialistischer Diktaturen hinter sich gelassen. In der Kunst der sechziger Jahre baute man auf stilistische Elemente auf, die 20 Jahre zuvor verpönt waren und teilweise als entartet galten. Diese Stilrichtungen wie Jugendstil, Expressionismus, Kubismus und Bauhausstil bildeten eine Grundlage, aus der sich nach dem Krieg wieder etwas Neues entwickeln konnte. Die kräftige Farbigkeit ist von pastellfarbenen Elementen durchdrungen. Kantige, geometrische Formen wechseln mit runden Schwüngen ab. Das Zusammenspiel von Rund und Eckig hat in der Gebrauchskunst in den Nierentischformen eine eigene Entwicklung erfahren. Im Teppich findet sich die klare Formensprache der Nachkriegsjahre, die dem Altväterlichen eine Absage erteilt hat.

Aufwändige Restaurierungsarbeit

Im Zusammenhang mit der beim Bau des neuen Kultur- und Tagungszentrums erforderlichen Sanierung des Theaters wurde deutlich, dass auch beim Teppich Handlungsbedarf besteht. Nachdem die Diskussion über Bedeutung und kulturellen Wert zugunsten des Teppichs abgeschlossen war, wurde über den Altertumsverein Worms e.V. als anerkannte Denkmalschutzorganisation erfolgreich zu einer Spendenaktion aufgerufen.

Der Teppich war stark verschmutzt durch Luftverunreinigung und Staub, der Flor in den Spitzen ausgeblichen. Für die Reinigung wurde eine auf solche Aufgaben spezialisierte Restaurierungsfirma in Mechelen (Belgien) gefunden. Nachdem die Versuche in Probeflächen überzeugten, wurde zuerst der Teppich, noch an der Wand hängend, abgesaugt und dann in kleinen Abschnitten mit einer Ph-neutralen Wasser-Seife-Mischung feucht gesäubert. Obwohl leicht verblasst nach 40 Jahren direkter Lichteinwirkung, wirkt er wieder frisch und strahlend. Nach Abschluss dieser Maßnahme wurde er abgenommen, auf eine große Rolle aufgerollt und im ehemaligen Bundeswehrdepot in Pfeddersheim mit der gesamten anderen erhaltenswerten Ausstattung des Spiel- und Festhauses eingelagert. Das alles geschah im Frühjahr 2007. Jetzt bildet er wieder einen Blickfang im frisch restaurierten Theaterfoyer.

Das Nibelungenlied selbst ist ein monumentales Meisterwerk deutscher Dichtung, eine „große“ Darstellung ist damit angemessen. Dargestellt sind Schlüsselszenen aus dem Epos. Den Inhalt durfte man in Worms als bekannt voraussetzen, denn in dieser Zeit haben schon die kleinen Wormser Drittklässler im Schulunterricht im Fach Heimatkunde das Nibelungenlied durchgenommen. Der Teppich geht auf eine Jahrhunderte alte Tradition der Darstellung von historischen Ereignissen, Sagen und Mythen zurück, doch ausgeführt im typischen Stil seiner Zeit, den sechziger Jahren. Es sind nicht die Helden, die das Geschehen bestimmen, sondern die alten Götter. Es ist ein mystischer Hintergrund in der Tradition der Edda-Dichtung, den seinerzeit auch Richard Wagner für den „Ring der Nibelungen“ aufgenommen hat; und die Aufführung des „Rings“ stellt nun mal einen Höhepunkt in jedem Festspielhaus dar. Der Wormser Teppich ist ganz auf seinen Standort im Theater abgestimmt, das hier bearbeitete Nibelungenthema ist ein wesentliches Identifikationsmerkmal der Stadt. Dazu ist er als monumentaler Wandteppich der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für das Kunstschaffen der Zeit außergewöhnlich, er genügt hohen künstlerischen Ansprüchen und verdient eine entsprechende Würdigung.

(Text: Dr. Irene Spille, Stadtarchiv Worms)